Elektrotechnik – 4. Magnetismus I

Luft- und Raumfahrttechnik Bachelor, 1. Semester

David Straub

Elektrotechnik – Straub

4. Magnetismus

  1. Magnetisches Feld
  2. Kräfte im magnetischen Feld
  3. Magnetische Feldgrößen und Durchflutungsgesetz
  4. Materie im Magnetfeld
  5. Der magnetische Kreis
  6. Kraft am Luftspalt
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Elektrizität & Magnetismus

... sind untrennbar verbunden. Eine konsistente Naturbeschreibung erfordert beide.

Grenzfälle:

  • Ruhende Ladungen → Elektrostatik
  • Konstante Stromverteilungen → Magnetostatik
  • Langsam bewegte Ladungen & langsam veränderliche Ströme → Quasistatik
  • Allgemeiner Fall → Elektrodynamik
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Magnetpole

  • Magnete besitzen immer zwei Pole: Nordpol (N) und Südpol (S)
    • Nordpol = Pol, der auf der Erde nach Norden zeigt
  • Gleichnamige Pole stoßen sich ab, ungleichnamige Pole ziehen sich an
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Kräfte zwischen elektrischen Leitern

Zwei parallele, stromdurchflossene Leiter üben eine Kraft aufeinander aus:

Magnetfelder entstehen durch bewegte elektrische Ladungen (Ströme).

Im SI-System gilt mit

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Wichtiger Unterschied zur Elektrostatik

  • In der Elektrostatik haben wir die Feldstärke über die Kraft definiert:
  • In der Magnetostatik geht das nicht so einfach, da die Kraft senkrecht zur Bewegungsrichtung der Ladung wirkt
  • Experimentell lassen sich Feldlinien durch die Ausrichtung kleiner Permanentmagnete (Kompassnadeln) sichtbar machen
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Magnetische Feldlinien

  • Magnetische Feldlinien zeigen in die Richtung, in die sich der Nordpol eines kleinen Testmagneten ausrichten würde: N → S außerhalb des Magneten
  • Magnetische Feldlinien sind immer geschlossen (keine magnetischen Monopole!)
  • Die Dichte der Feldlinien ist ein Maß für die Stärke des Magnetfeldes
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Magnetische Flussdichte

Die magnetische Flussdichte zeigt entlang der magnetischen Feldlinien. Ihr Betrag ist proportional zur Dichte der Feldlinien.

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Rechte-Faust-Regel

  • Ein gerader, stromdurchflossener Leiter erzeugt ein ringförmiges Magnetfeld. Wenn der Daumen der Faust in Stromrichtung zeigt, zeigen die gekrümmten Finger in Feldrichtung
  • Alternativ: Eindrehen einer Schraube in Stromrichtung → Drehrichtung der Schraube entspricht der Feldlinienrichtung
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Magnetische Flussdichte eines stromdurchflossenen Leiters

Im Abstand von einem geraden, unendlich langen Leiter:

Einheit: das Tesla

Zahlenbeispiel (→ Tafel): Wie viel Strom braucht man für 1 T in 1 m Abstand?

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Größenordnung der magnetischen Flussdichte

Magnet Magnetische Flussdichte B
Erdmagnetfeld 30 µT – 60 µT
Kühlschrankmagnet 1 mT – 10 mT
Magnetstreifen (Kreditkarte) 10 mT – 100 mT
Lautsprechermagnet 100 mT – 1 T
MRT-Gerät 1 T – 3 T
Large Hadron Collider (LHC) 8 T
Fusionskraftwerk 5–15 T
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Kräfte im magnetischen Feld

Lorentzkraft auf bewegte Ladung:

Kraft auf stromdurchflossenen Leiter:

  • Skalar (wenn ):
  • Rechte-Hand-Regel: Daumen = Stromrichtung, Zeigefinger = Feldrichtung, Mittelfinger = Kraftrichtung
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Bewegte Ladung im Magnetfeld

Kreisbewegung:

  • Lorentzkraft wirkt als Zentripetalkraft:
  • Bahnradius:
  • Umlauffrequenz: (unabhängig von !)

Anwendungen: Teilchenbeschleuniger (Zyklotron), Massenspektrometer

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Vergleich: Elektrisches und magnetisches Feld

Eigenschaft Elektrisches Feld Magnetisches Feld
Feldlinien Beginnen/enden auf Ladungen Enden nie
Quellen Ladungen Keine (keine Monopole)
Wirbel Keine (wirbelfrei) Ströme erzeugen Wirbel
Potential Darstellbar als Gradient Nicht darstellbar
Arbeit Wegunabhängig Keine (Magnetostatik)

Elektrostatisches Feld = Quellenfeld, wirbelfrei
Magnetostatisches Feld = quellenfrei, Wirbelfeld

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Magnetischer Fluss

Der magnetische Fluss durch eine Fläche :

Einheit: (Weber)

Da das magnetische Feld quellenfrei ist, gilt für jede geschlossene Fläche:

(Vergleiche: Satz von Gauß, )

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Magnetische Feldstärke

Die magnetische Feldstärke beschreibt die Fähigkeit eines elektrischen Stroms, ein Magnetfeld zu erzeugen.

Zusammenhang mit der magnetischen Flussdichte (im Vakuum):

Einheit:

Beispiel: gerader stromdurchflossener Leiter (Abstand ):

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Durchflutungsgesetz (Ampèresches Gesetz)

Die Summe der magnetischen Feldstärke längs eines geschlossenen Weges ist gleich der Gesamtstromdurchflutung:

Erinnerung: in der Elektrostatik gilt aufgrund der Wegunabhängigkeit des Potentials:

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Vergleich: Gaußsches Gesetz und Ampèresches Gesetz

Elektrostatik Magnetostatik
Gaußsches Gesetz Ampèresches Gesetz
Quellenfeld Wirbelfeld
Wirbelfreiheit: Quellenfreiheit:

Anwendung bei Symmetrie:

  • Gauß → Kugel-, Zylinder-, Plattensymmetrie für Ladungen
  • Ampère → Zylinder-, Ebenen-, Toroidsymmetrie für Ströme
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Magnetfeld einer langen Spule

Lange Spule mit Windungen, Länge , Strom . Durchflutungsgesetz:

Im Inneren der Spule (Luft):

Außerhalb:

Mit einem Eisenkern wird um ein Vielfaches größer – dazu gleich beim Magnetfeld in Materie.

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📝 Aufgabe 11: Magnetfelder berechnen

a) Eine lange Spule hat Windungen auf und führt . Wie groß sind und im Inneren (Luft)? Vergleichen Sie mit dem Erdmagnetfeld!

b) Bei einer langen Doppelleitung (Hin- und Rückleiter) beträgt der Achsabstand ; der Strom ist . Berechnen Sie allgemein den Betrag der magnetischen Feldstärke auf der Verbindungslinie zwischen den Leitern und werten Sie ihn in der Mitte aus. (Tipp: Superposition – beide Beiträge addieren sich dort!)

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Magnetisches Verhalten von Materie

Ähnlich wie bei Dielektrika im elektrischen Feld reagiert Materie im Magnetfeld durch Magnetisierung.

Magnetische Dipole in Atomen:

  • Elektronen haben einen intrinsischen Spin (magnetischer Dipol)
  • Bahnbewegung der Elektronen erzeugt Bahnmagnetismus
  • Jedes Elektron ist ein winziger Permanentmagnet – makroskopische Magnete entstehen durch Ausrichtung vieler Spins
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Magnetische Suszeptibilität und Permeabilität

Die Magnetisierung ist proportional zur magnetischen Feldstärke :

Reaktion auf äußeres Feld:

  • Diamagnetismus: gegen das äußere Feld (, )
  • Paramagnetismus: mit dem äußeren Feld (, )
  • Ferromagnetismus: starke Ausrichtung ()
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Magnetische Eigenschaften der Elemente

(S. Zurek, Encyclopedia Magnetica, CC-BY-SA 4.0)

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Diamagnetismus

  • Tritt in allen Materialien auf; (sehr klein), knapp unter 1
  • Mechanismus: externes Feld induziert Änderung der Elektronenbahnen → magnetisches Moment entgegen dem äußeren Feld
  • Effekt verschwindet mit dem Feld

Beispiele: Kupfer, Silber, Gold, Wasser, organische Materialien

Kuriosum: Diamagnete können in starken Feldern schweben →

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Paramagnetismus

  • Atome besitzen permanente magnetische Dipole; (klein), knapp über 1
  • Ohne Feld: zufällige Ausrichtung (thermische Bewegung); mit Feld: partielle Ausrichtung parallel
  • Paramagnete werden schwach von Magneten angezogen; stärker bei tiefen Temperaturen

Beispiele: Aluminium, Platin, Sauerstoff

⚠️ Merken für die Praxis: Aluminium ist nicht ferromagnetisch – ein Elektromagnet hebt keine Alu-Platten!

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Ferromagnetismus

  • Sehr starke Magnetisierung: (bis zu !)
  • Spontane Magnetisierung auch ohne externes Feld möglich
  • Mechanismus: starke Wechselwirkung benachbarter Atome (Austauschwechselwirkung) → Bildung von Weiss’schen Bezirken (Domänen), die ein externes Feld ausrichtet

Beispiele: Eisen, Kobalt, Nickel

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Weiss’sche Bezirke

  • Bereiche mit gleich orientierten magnetischen Dipolen
  • Spontane Magnetisierung innerhalb der Bezirke

Ohne äußeres Feld: Bezirke zufällig orientiert → keine Gesamtmagnetisierung
Mit äußerem Feld: Bezirke richten sich aus; bei Sättigung einheitlich

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Ferromagnetismus: Hysterese

Kenngrößen:

  • Sättigungsmagnetisierung (1): maximale Magnetisierung
  • Remanenz (2): verbleibende Flussdichte bei verschwindendem äußeren Feld
  • Koerzitivfeldstärke (3): Feldstärke zum Entmagnetisieren

Die Magnetisierung hängt von der Vorgeschichte ab – ist keine eindeutige Funktion!

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Harte/weiche Magnete

  • Weichmagnetische Materialien:

    • Schmale Hysteresekurve: leicht magnetisier- und entmagnetisierbar
    • Anwendung: Transformatoren, Elektromagnete
  • Hartmagnetische Materialien:

    • Breite Hysteresekurve: behalten ihre Magnetisierung
    • Anwendung: Permanentmagnete, Motoren, Lautsprecher
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Magnetisches Feld und Magnetisierung

Magnetisierung : magnetisches Dipolmoment pro Volumeneinheit

Konvention: beschreibt das durch freie Ströme erzeugte Feld – ohne Beiträge der Magnetisierung (vgl. und freie Ladungen in der Elektrostatik!).

Vorteil: Das Durchflutungsgesetz gilt unverändert:

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Übersicht: Größen in der Magnetostatik

Größe Definition Einheit
Magnetische Flussdichte (magnetic flux density)
Magnetische Feldstärke (magnetic field [strength])
Magnetischer Fluss (magnetic flux)
Durchflutung (magnetomotive force)
Magnetische Feldkonstante
Relative Permeabilität dimensionslos
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📝 Aufgabe 12: Materie im Magnetfeld

a) Ein Elektromagnet soll in einer Recyclinganlage Metallteile sortieren. Kann er Aluminiumplatten anheben? Stahlplatten? (Mit Begründung!)

b) Lesen Sie aus der Hysteresekurve (vorige Folie) ab: Welche Größe muss ein Material für einen guten Permanentmagneten besitzen – und welche für einen guten Transformatorkern? (Mit Begründung!)

c) Ein Eisenkern wurde aufmagnetisiert und der Spulenstrom danach abgeschaltet. Warum ist im Kern nicht null?

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Zwischenstand – und nächste Woche: Übungsklausur!

Heute: Magnetfeld (, , , ), Kräfte (, ), Durchflutungsgesetz, Materie (dia/para/ferro, Hysterese)

Nächste Woche: Übungsklausur unter Klausurbedingungen

  • Stoff: Kapitel 1–3 (Einheiten, E-Feld, Gleichstrom)
  • 60 Minuten, keine Hilfsmittel – wie in der echten Prüfung
  • Mit „Ersatzwerten" wie im Original: wenn Sie eine Teilaufgabe nicht lösen, rechnen Sie mit dem Ersatzwert weiter!
  • Danach: ausführliche Besprechung

In zwei Wochen: der magnetische Kreis – Magnetfelder berechnen wie Stromkreise.

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Vertiefung

Für alle, die es genauer wissen wollen

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Vertiefung: Magnetfeld in einem Tokamak

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Vertiefung: Magnetfeld in einem Tokamak

Ringförmiges Fusionsreaktor-Design mit toroidalem Magnetfeld zum Plasmaeinschluss.

Toroidale Feldspulen (TF): Spulen, Windungen, Strom ; Ampèresches Gesetz auf kreisförmigem Weg (Radius ):

Feld nimmt mit ab (inhomogen); typisch

Beispiel ITER: 18 TF-Spulen, 134 Windungen, 68 kA → B = 5,3 T bei 6,2 m Radius

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